Was sieht sie wohl, die Dame? Ein Gemälde durch die Linse – nur was für eines? Und der Aufseher? Er könnte sich zum Beispiel wundern, wie viele Bilder wohl täglich in Museen rund um den Globus geschossen werden. Es dürften viele sein, sehr viele sogar!
Beim Gemälde an der Wand handelt es sich um ein Werk von Henri Matisse mit dem Titel «À la Porte de la Kasbah» (Am Eingang zur Kasbah) von 1912. Es war Teil einer «Blockbuster»-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton (FLV) mit dem Namen «Die Sammlung Morozov. Ikonen der modernen Kunst», die von September 2021 bis April 2022 gezeigt wurde. Die Ausstellung zog rund 1,25 Millionen Besucher an.
Eine beeindruckende Zahl
Nicht jeder Besucher fotografierte jedes der 200 Gemälde der Ausstellung. Beobachtungen an dieser und vielen anderen Ausstellungen veranlassen mich zur Annahme, dass mindestens jeder fünfte Besucher jedes zehnte Gemälde abfotografiert. Das ergäbe allein für die besagte Ausstellung die sagenhafte Zahl von 5 Millionen Aufnahmen. Eine beeindruckende Zahl! Und ja, ich gebe es zu: Auch ich fotografiere ab und zu Kunstwerke, versuche mich aber in Zurückhaltung.
Vom Betrachten und Fotografieren
Was auffällt: Viele Ausstellungsbesucher geben sich gar nicht erst die Mühe, ein Kunstwerk zu betrachten, bevor sie es abfotografieren. Dabei kann man unterschiedliche Verhaltensweisen beobachten. Eine Zumutung sind jene, die Personen, die vor dem Kunstwerk stehen, bitten, wegzutreten, damit sie «ihr» Bild machen können. Übertroffen werden sie noch von denjenigen, die sich mit der gleichen Absicht, aber ungefragt zwischen die Betrachtenden und das Objekt schieben.
Vom Verbot zum Gratiswerbekanal
Als Mobiltelefone mit brauchbaren Kameras aufkamen, verfolgten viele Museen weltweit noch eine andere Strategie. Das Fotografieren der Ausstellungsobjekte war in den meisten Ausstellungen verboten. Das ist heute bei gewissen Ausstellungsobjekten noch immer so, weil zum Beispiel die Besitzer nicht wollen, dass ihr millionenfach abfotografiertes Kunstwerk im Datenmüll endet. Das gleicht einem Kampf gegen Windmühlen – zu viele Besucher stehen zu wenigen Aufsehern gegenüber. Die Museen erhofften sich mehr Verkäufe ihrer Ausstellungskataloge, wenn das Fotografieren verboten blieb. Der Druck der Masse der Museumsbesucher und wohl auch der weltweiten Konkurrenz auf dem Kunstmarkt wurde aber so gross, dass innert weniger Jahre alle Dämme brachen. Die Museen machten die Besucher in der Folge zu Botschaftern. Der Multiplikationseffekt über soziale Medien wurde als Gratiswerbekanal für Ausstellungen erkannt und wird heute gezielt gefördert. Die meisten Museen stellen heute ihre Sammlungen in hochauflösender Qualität kostenlos im Internet zum Herunterladen zur Verfügung.
Was bleibt von der Aufnahme?
Zurück zu der Frau vor dem Bild. Wollte sie sich einfach den Ausstellungskatalog sparen und hat deshalb die Ausstellung abfotografiert? Hat das Bild sie an eine vergangene Reise nach Marokko erinnert? Oder handelte es sich möglicherweise um eine Lehrerin, die ihrer Klasse am nächsten Tag die Kunst näherbringen wollte. Fast so viele Fragen wie Bilder…

