Ein Besuch über die Feiertage
Vor rund eineinhalb Stunden waren wir in London Heathrow gestartet, mit Kurs auf Jakarta. Im Oberdeck der Boeing 747 von British Airways war der Bordservice in der Economy-Klasse bereits in vollem Gange. Mit dem älteren Briten rechts neben mir – vermutlich in seinen Siebzigern – war ich schon ins Gespräch gekommen. Sein Sohn arbeitete seit einigen Jahren in der indonesischen Hauptstadt, und er wollte ihn über die Feiertage besuchen.
Die Flugbegleiterin hatte uns gerade die Tabletts mit dem Nachtessen gebracht. Was genau auf dem Menü stand, weiss ich nach über dreissig Jahren nicht mehr. An den Salat zur Vorspeise erinnere ich mich dafür umso besser. Dazu gab es eine dieser Saucen in kleinen Plastikbehältern, mit klangvollen Namen wie «Thousand Island» oder «Honey Mustard». Welche mein Sitznachbar gewählt hatte, ist mir ebenfalls entfallen. Wie er jedoch den Behälter studierte und rätselte, wie dessen Inhalt auf den Salat gelangen sollte, sehe ich noch heute vor mir.
«Squeeze» – mit ungeahnten Folgen
Auf der Verpackung waren zwei diagonal verlaufende, perforierte Linien und das Wort «Squeeze» zu sehen. Damit nahm das Unheil seinen Lauf. Der Herr drückte beherzt zu. Nur hatte er offenbar übersehen, dass er den Behälter vorher hätte umdrehen müssen: Perforierung nach unten, auf den Salat gerichtet.
Was folgte, war eine Salatsaucenexplosion erster Güte. Ob der Druckunterschied auf zehntausend Metern Flughöhe seinen Teil dazu beitrug, weiss ich nicht. Für ein eindrucksvolles Ergebnis reichte es jedenfalls: Die zähflüssige, goldgelbe Sauce verteilte sich über sein ganzes Gesicht und in seinen Haaren. Auf dem Salat wäre sie deutlich besser aufgehoben gewesen.
Wir sahen uns an – und mussten beide lauthals lachen. Mit typisch britischem Humor bemerkte er: «I suppose that was not how it is done.» Das machte die Sache nicht besser, jedenfalls nicht für unsere Lachmuskeln. Mit ein paar Servietten und etwas Wasser liessen sich die Spuren des Missgeschicks zum Glück einigermassen schnell beseitigen. Danach konnten wir unser Essen fortsetzen.
Mr. Bean gibt den Rest
Ich wandte mich dem Unterhaltungsprogramm zu. Als Nichtbrite war mir Mr. Bean Anfang der 1990er-Jahre zwar ein Begriff, doch ich hatte bis dahin noch nie einen Film mit ihm gesehen. Warum also nicht etwas britische Schrulligkeit zum Nachtessen, dachte ich mir.
Das war nach dem Zwischenfall mit der Salatsauce eine denkbar ungünstige Entscheidung – zumindest, wenn ich mich wieder beruhigen wollte. Die Slapstick-Szenen, die mir heute nach all den Jahren etwas abgedroschen vorkommen, trafen mich als damaligen «Mr.-Bean-Anfänger» mitten ins Lachzentrum. Kaum hatte ich mich gefangen, ging es wieder los. Die Passagiere um uns herum dürften sich irgendwann gefragt haben, ob sie mit einem Verrückten unterwegs waren.
Flüge vergehen nicht immer wie im Fluge. Dieser schon ...

