Ein Loch mit Folgen
Plötzlich war da dieses riesige Loch in der Strasse. Nur mit Glück und einer Vollbremsung konnten wir Schlimmeres verhindern. Ein Unwetter am Vorabend musste den Fluss über die Ufer treten lassen und die Strasse weggespült haben.
Allmählich dämmerte es uns, und nach dem ersten Schock mussten wir schmunzeln und über uns selbst lachen. Zwar hatten wir die Venezolaner in den vergangenen drei Wochen als freundlich und zuvorkommend erlebt. Dass sie uns aber an diesem Morgen auf der Fahrt hierher ständig zuwinkten und etwas nachriefen, empfanden wir als aussergewöhnliche Steigerung des bisher Erlebten. Wir vermuteten, dies habe mit lokalen Gepflogenheiten oder einfach mit der Freude daran zu tun, Fremde zu sehen. Dass sie uns in Wirklichkeit vor einer sinnlosen Fahrt in eine lange Sackgasse oder sogar vor einem möglicherweise schweren Unfall bewahren wollten, begriffen wir erst jetzt.
Umweg nach Colonia Tovar
Uns blieb nichts anderes übrig, als rund fünfzig Kilometer auf derselben Strasse zurückzufahren, um einen Umweg zu unserem Tagesziel Colonia Tovar zu finden. Dort lebt in Küstennähe, auf rund 1800 m ü. M. und in angenehm kühlem Klima, eine eingeschworene Gemeinschaft deutschstämmiger Venezolaner. Die Schwarzwaldhäuser und die vielen noch gelebten Traditionen liessen eine weiterhin starke Verbundenheit mit dem ursprünglichen Herkunftsgebiet am Kaiserstuhl im Südschwarzwald erkennen.
Drei Wochen durch Venezuela
Der grösste Teil unserer Reise durch Venezuela lag hinter uns. Von Caracas aus waren wir unter anderem zu den Wasserfällen im Nationalpark Canaima und von dort weiter in die Llanos gereist. Während eines mehrtägigen Aufenthalts auf einer Farm mit integrierter biologischer Forschungsstation hatten wir viel über Flora und Fauna gelernt. Dort hatten wir die eher kleinen Kaimane und die bis zu sieben Meter langen Orinoco-Krokodile, Wasserschweine und unzählige Vogelarten zu Gesicht bekommen, uns an das Schlafen in Hängematten gewöhnt und uns vergeblich gegen Insekten zur Wehr gesetzt. Die Llanos sind eine Art Sumpflandschaft, die in der Regenzeit regelmässig überschwemmt wird und in der Trockenzeit langsam wieder austrocknet. Die Natur hat sich diesem Rhythmus angepasst. So überleben Kaimane und Krokodile oft über längere Zeit nur noch in kleinen Wassertümpeln, bis der ersehnte Regen ihren Aktionsradius wieder vergrössert. In der Region gibt es grosse Farmen mit Rinder- und Pferdehaltung.
Die Reise führte weiter über Mérida am Fuss des Pico Bolivar, mit 4978 m ü. M. höchster Berges Venezuelas und von dort nach Maracaibo an der Karibikküste. Die Ölindustrie war damals noch ein wichtiger Wirtschaftszweig, auch wenn es bereits Spannungen mit den USA gab, die den Export erschwerten. Kilometer um Kilometer sah man die Ölbohrtürme aus dem Meer ragen. Von Maracaibo ging es weiter in den Bundesstaat Falcón mit seinen eindrücklichen, riesigen Sanddünen im Médanos-Nationalpark. Die ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao kann man an klaren Tagen von der Küste aus mit blossem Auge sehen. Unsere Reise sollte in Aruba enden, doch zuvor mussten wir den Mietwagen nach Caracas zurückbringen.
Ein zweites Missverständnis
Das Winken hatten wir auf dieser Reise übrigens nicht zum ersten Mal falsch interpretiert. Damals gab es landauf, landab regelmässig militärische Kontrollpunkte, an denen Autos und Insassen kontrolliert wurden. Als ausländische Touristen wurden wir normalerweise nach einem kurzen Blick ins Auto durchgewunken. An einem Checkpoint mussten wir ein solches Handzeichen jedoch falsch verstanden haben. Der Blick in den Rückspiegel zeigte zwei aufgebrachte Soldaten mit Maschinenpistolen, die drauf und dran waren, Warnschüsse abzugeben. Die anschliessende Kontrolle erwies sich als pedantisch. Sämtliche Gepäckstücke mussten auf dem Boden vor dem Auto geöffnet und ausgepackt werden …


