Minutiöse Vorbereitungen
Alles war minutiös vorbereitet: Die Fax- und Telexgeräte in Zürich und Luxor waren heissgelaufen, und die Belege füllten mittlerweile einen Bundesordner. Zu guter Letzt reiste rund zwei Wochen zuvor sogar der Privatsekretär Seiner Durchlaucht Fürst Franz Josef II. an. Er besprach mit mir alle Details des fürstlichen Aufenthalts in Luxor und unterrichtete mich im Umgang mit dem hohen Besuch. So gut vorbereitet konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Eigentlich!
Die Ankunft von Fürst Franz Josef II. und seiner Gemahlin Gina war für einen Samstag im Februar 1986 um 12.30 Uhr mit einem Balair-Charterflug von Zürich nach Luxor geplant. Eine Businessklasse gab es damals auf Charterflügen noch nicht, doch den beiden war die vorderste Sitzreihe exklusiv reserviert worden, um ihnen mehr Privatsphäre und Komfort zu bieten. Mit dem Kuoni-Hauptsitz in Zürich und der Fluggesellschaft war zudem vereinbart, das fürstliche Gepäck in Zürich zuletzt in den letzten Container zu laden. So sollte es bei der Ankunft zuerst ausgeladen und direkt mit den beiden VIPs zum Hotel gebracht werden. Der Flug war pünktlich in Zürich gestartet. Ich befand mich bereits seit rund zwei Stunden auf dem Militärflughafen, da die abreisenden Gäste mit der ankommenden Maschine nach Zürich zurückfliegen sollten.
Mit dem Flughafenchef war vereinbart, dem Fürstenpaar dank seiner Diplomatenpässe die üblichen Einreiseformalitäten zu ersparen. Das schönste und blitzblank geputzte Auto unserer Agentur sollte die beiden direkt an der Flugzeugtreppe abholen und samt Gepäck ohne Umwege ins Hotel bringen. Wie damals – und wohl noch heute – üblich, bedurfte es für diese Ausnahmegenehmigungen mehrerer Besuche im Büro des Flughafenchefs, begleitet von Tee- und Gebäckzeremonien und, ich gebe es zu, etwas nachhelfendem Bakschisch. Der Flughafenchef war Offizier der ägyptischen Armee oder Luftwaffe, denn der Flughafen Luxor war damals kein Zivil-, sondern ein Militärflughafen.
Ein Vorgesetzter durchkreuzt den Plan
Unglücklicherweise – damit begannen die Probleme – hatte sich am besagten Samstagmorgen ein wichtiger Vorgesetzter unseres Flughafenchefs aus Kairo zu einem ungeplanten Besuch in Luxor angekündigt. Unser Flughafenchef bekam Schweissausbrüche und wollte plötzlich nichts mehr von Sonderbewilligungen aufgrund des Diplomatenstatus wissen. Alles Bitten half nichts: Offenbar fürchtete er um seinen Posten, falls während des Besuchs seines Vorgesetzten nicht alles picobello nach militärischen Vorschriften ablief. Selbst eine weitere Teezeremonie und noch mehr Bakschisch konnten ihn nicht umstimmen.
Empfang im staubigen Bus
So musste ich den fürstlichen Besuch an der Flugzeugtreppe mit einem alten, nur notdürftig gereinigten Bus der Egypt-Air empfangen; in der Kabine lag noch Sand vom letzten Wüstensturm. Falls sich unsere hohen Gäste wunderten oder gar ärgerten, liessen sie sich nichts anmerken. Auch die Einreiseformalitäten ertrugen sie mit stoischer Ruhe. Immerhin konnten sie in einer VIP-Lounge warten. Als hätte sich der Allmächtige gegen uns verschworen, war das Gepäck des Fürstenpaares in Zürich falsch verladen worden: Statt wie geplant zuerst kam es zuletzt aus dem Flugzeug. Dadurch verlängerte sich die Wartezeit zusätzlich.
Ein versöhnlicher Aufenthalt
Mit einiger Verspätung konnten der Fürst und seine Gattin schliesslich ihre Suite im Mövenpick Hotel Jolie Ville beziehen. Während ihres zweiwöchigen Aufenthalts hatte ich täglich eine private Besprechung in ihrer Suite, um Ausflüge und weitere Wünsche zu koordinieren. Die beiden waren angenehme und recht anspruchslose Gäste. Sie versicherten mir, die missratene Anreise habe ihren Aufenthalt keineswegs in ein schlechtes Licht gerückt. Zum Abschied überreichte mir der Fürst als Dank für meine offenbar geschätzten Dienste persönlich eine silberne Gedenkmünze mit seinem Konterfei. Bis zu einem Wohnungseinbruch vor einigen Jahren bewahrte ich sie als Erinnerung auf. Inzwischen wurde sie vermutlich eingeschmolzen oder lagert irgendwo in einer staubigen Kiste.
Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Das erwähnte Fürstenpaar, Franz Josef II. und Gina, waren die Eltern des heutigen Fürsten Hans-Adam II. von Liechtenstein und die Grosseltern seines Sohnes, des heutigen Regenten Alois von Liechtenstein. Franz Josef II. starb 1989, nur drei Jahre nach seinem Aufenthalt in Luxor, im Alter von 83 Jahren. Die Amtsgeschäfte hatte er bereits einige Jahre zuvor seinem Sohn Hans-Adam übertragen. Dieser übertrug sie 2004 seinerseits an seinen Sohn Alois. Die Fürsten von Liechtenstein gehören nicht zur Habsburgerdynastie, sondern bilden ein eigenes Adelsgeschlecht; mit den Habsburgern waren sie jedoch stets eng verbunden.

