Es ist Juli 1974. Mit meiner Cousine und einem Schulfreund reise ich von der Innerschweiz mit dem Zug nach Zermatt. Ich durfte wohl nur mitfahren, weil meine Cousine dabei war. Sie war wohlgemerkt auch erst sechszehn und mein Schulfreund ein gutes Jahr älter als ich. Unseren Eltern hatten wir irgendeine Geschichte von Wanderungen im Wallis aufgetischt, was zwar nicht völlig falsch aber zugleich gehörig untertrieben war.
Unser geheimes und rückblickend absurdes Ziel war die Besteigung der Dufourspitze am Monte Rosa, mit 4634 m ü. M der höchsten Punkt der Schweiz.
Wie wir überhaupt auf diese Idee kamen
Vorgängig ein paar Hintergrundinformationen zum Milieu meiner Kindheit und um besser zu verstehen, wie wir überhaupt auf diese verrückte Idee kamen. In der Innerschweiz am Fusse der Voralpen aufgewachsen, waren meine Eltern mit uns Kindern schon früh in den Bergen auf Wanderungen und mit den Skiern unterwegs. Unsere Sommerferien verbrachten wir regelmässig bei einer Bergbauernfamilie im Bisisthal. Dort gings vor allem steil rauf und runter. Mein neun Jahre älterer Bruder und mein späterer Schwager waren alpinistisch beim Klettern auf damals hohem Niveau unterwegs. Sie waren für mich schon als Kind grosse Vorbilder, zu denen ich aufschaute und denen ich nacheiferte. So kam ich schon in der Primarschulzeit mit Bergtouren und Klettern in Kontakt, wenn auch auf Einsteigerniveau. Mein Freund hatte einen Onkel, der in den 1950er Jahren an einer Expedition auf den 8125 Meter hohen Nanga Parbat in Pakistan beteiligt war. Später überliess er ihm ein Seil, welches dort im Einsatz gewesen sein soll.
Aufbruch um ein Uhr morgens
Den Rucksack gepackt mit der nötigen Ausrüstung wie Pickel, Steigeisen und dem Seil vom Nanga Parbat stiegen wir zu dritt bei schönstem Juliwetter am ersten Tag zur Monte Rosa Hütte hoch. Der Hüttenwart war sich wohl auch damals schon gewohnt, dass nicht alle, die bei ihm übernachten gleich am nächsten Tag auf eine Hochtour aufbrechen würden. Wir wurden jedenfalls trotz unserer Minderjährigkeit unbehelligt untergebracht und bedient.
An Schlaf war natürlich nicht zu denken, zu nervös waren wir vor der «grossen Tour». So entschieden wir, schon um 1.00 Uhr morgens aufzustehen und uns, ohne die restlichen Gäste zu wecken, aus der Hütte zu schleichen. Proviant hatten wir genügend dabei. Meine Cousine hatte nie die Absicht, mit uns auf den Monte Rosa zu steigen. Wir verabredeten uns mit ihr am nächsten Tag nach der Tour gegen 15.00 Uhr in der Gandegghütte oberhalb von Zermatt.
In dunkler, aber klarer Nacht, es war rückblickend vermutlich Neumond, stiegen wir mit unseren Stirnlampen und schon bald angeseilt und mit montierten Steigeisen ausgerüstet auf dem Gletscher hoch. Eher unerfahren wie wir waren, hatten wir etwas Mühe mit den Steigeisen, welche damals noch kompliziert mit langen Lederriemen um die Schuhe befestigt werden mussten. Zudem war die Route nicht immer offensichtlich und ab und zu galt es Gletscherspalten zu umgehen. Das Seil vom Nanga Parbat erwies sich dabei als extrem steif und behinderte uns oft beim Gehen. So kamen wir nur langsam voran und nach rund drei Stunden holte uns ein Bergführer mit Kunden ein. Erstaunt fragte er uns nach unserem Vorhaben. Die Antwort gefiel ihm zwar nicht, aber er konnte uns ja nicht gut zurück in die Hütte eskortieren und seine Kunden stehen lassen.
Auf 4634 Metern
So stiegen wir langsam, aber stetig vorankommend aufwärts. Bei Tagesanbruch erreichten wir den Steilhang unterhalb des Sattels. Von hier kämpften wir uns bereits etwas müde hoch zum Grat und nach einer weiteren Pause kletternd über den Felsgrat Richtung Gipfel. Die Kletterei war zwar wenig anspruchsvoll, aber wegen der Höhe auf bereits über 4300 Meter und unserer jugendlichen Unerfahrenheit kamen wir doch ans Limit. Gegen 09.00 Uhr erreichten wir erleichtert, aber auch euphorisch darüber, es geschafft zu haben, den Gipfel der Dufourspitze auf 4634 m ü. M.
Der lange Rückweg
Der Abstieg über die gleiche Route bis zum Sattel war aufgrund der immer mehr einsetzenden Müdigkeit anspruchsvoll. Von da abwärts über das steile Eisfeld und weiter über den Gletscher Richtung Zermatt war es dann leichter. Die Idee, uns mit unserer Cousine auf der Gandegghütte zu verabreden, war im Rückblick nicht die beste. So mussten wir nach unserer «Monstertour» vom Gletscher nochmals ein paar hundert Höhenmeter hoch zur Hütte oberhalb der Station Trockener Steg steigen. Unserer Cousine stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als sie uns eintreffen sah.
Von hier nahmen wir nach einer ausgedehnten Rast und einer ausführlichen Berichterstattung über unser Abenteuer um ca. 16.00 Uhr den Abstieg nach Zermatt unter die Füsse. Geld für die Bahn hatten wir wohl nicht. Nach rund 4 Stunden erreichten wir den Weiler «Zum See» oberhalb von Zermatt. Wir waren mittlerweile so erschöpft, dass an einen weiteren Abstieg nach Zermatt nicht mehr zu denken war. Eine gebuchte Übernachtungsmöglichkeit hatten wir dort sowieso nicht. Also entschlossen wir uns, in einen nicht verschlossenen Heuschober einzusteigen. Kurz darauf fielen wir in einen tiefen Schlaf bis zum nächsten Morgen.
Zurück zu Hause wollte uns zuerst niemand abnehmen, dass wir tatsächlich auf dem Gipfel des Monte Rosas gestanden hatten. Erst als wir die entwickelten Bilder aus dem Fotolabor zurückerhielten, dämmerte es unseren Eltern und Geschwistern, was wir für Risiken eingegangen waren. Zugleich waren sie natürlich erleichtert, dass wir es gesund zurück nach Hause geschafft hatten und ein wenig stolz waren sie vermutlich schon auch. Wenn auch mit schüttelndem Kopf…

