Ein Farmhaus ohne Heizung
Es gibt Orte, die man beim ersten Blick nicht mehr vergisst. Lake Tekapo ist so einer: ein türkis leuchtender See im Hochland der neuseeländischen Südinsel, ringsum kahle, wellige Hügel, und in der Ferne, hinter allem, der Mount Cook mit seinen 3724 Metern. Im Winter 1983 war das für einige Monate meine Adresse – nicht als Tourist, sondern als Skilehrer.
Gewohnt haben wir, also etwa 10 jüngere Angestellte - Skilehrer, Rettungsdienst und Pistenkontrolleure - in einem alten Farmhaus direkt am See, irgendwo zwischen dem Dorf Lake Tekapo am Südende des Sees und dem Skigebiet auf der Nordostseite. Das Haus gehörte dem Besitzer der Farm und des Skigebiets, einem ausgewanderten Österreicher. Es hatte Charme. Was es nicht hatte: eine Heizung. In den Schlafzimmern konnte man morgens seinen eigenen Atem studieren, und wer den Pullover nicht schon am Abend ins Bett gelegt hatte, war selber schuld.
Die Mannschaft war ein kleines Völkergemisch: Neuseeländer, Australier, Leute von den Cook Inseln, ein paar Schweizer. Morgens gab es Porridge und Toast, abends kochten wir gemeinsam – laut, improvisiert und meist besser, als es die Vorratskammer vermuten liess.
Zwanzig Kilometer Schotter bis zum Bier
Ein oder zwei Mal pro Woche stiegen wir ins Auto und rumpelten rund zwanzig Kilometer über eine Schotterpiste zum Pub in Lake Tekapo. Wir waren alle jung, und entsprechend ging es dort oft feucht und fröhlich zu und her. Der Rückweg im Dunkeln über den Schotter gehörte zum Abenteuer dazu.
Der Höhepunkt der Pub-Saison war der 1. August. Wir Schweizer organisierten kurzerhand eine Bundesfeier: improvisiertes Fondue – der Käse passte, seien wir ehrlich, überhaupt nicht – dazu Schweizer Volksmusik, von uns mehr schlecht als recht gesungen und von einer Schweizer Kollegin aus dem Skigebiet auf dem Schwyzerörgeli begleitet. Den Gästen im Pub war der Käse völlig egal. Der Abend wurde ein voller Erfolg, und wir schafften es sogar in die Lokalzeitung.
Autostop zur Arbeit
Der Arbeitsweg war denkbar unkompliziert: Wir stellten uns morgens an die Strasse und streckten den Daumen raus. Fünfzehn Kilometer bis zum Skigebiet, und meistens nahm uns einer der Skifahrer mit, der ohnehin hinauffuhr. Ein Skilehrer am Strassenrand war bessere Werbung als jedes Plakat.
Das Skigebiet «Roundhill» war überschaubar: ein Sessellift, ein Bügellift, und viel Himmel darüber. Ein paar Mal durften wir mit dem Helikopter in entlegenere Gebiete fliegen und Tiefschnee fahren – Tage, an die man abends vor dem Cheminée im Aufenthaltsraum – wenigstens da wars geheizt - zurückdenkt und einfach nur grinst.
Skischuhe, Socken und keine Ahnung
Unsere Gäste waren, wenig überraschend vor allem Neuseeländer und zahlreiche Australier. Viele der Aussies standen zum ersten Mal in ihrem Leben auf Ski. Das führte zu Szenen, die mich heute noch zum Schmunzeln bringen: Leute, die in Socken zum Mietshop zurückkamen – die Skischuhe steckten noch in den Bindungen, weil niemand ihnen gesagt hatte, wie man die aufmacht.
Meine Aufgabe war es, genau diesen Anfängern das Skifahren beizubringen. Das brauchte Geduld, ziemlich viel Geduld, war aber unglaublich bereichernd. Man begleitet einen Menschen von der ersten wackligen Rutschbewegung bis zum ersten echten Schwung, und irgendwo dazwischen lernt man sich kennen.
Der Kofferraum als Bar
Was ich vorher nicht wusste: Kiwis und Aussies haben im Kofferraum eine Art mobile Bar. Bier, Gläser, allerlei Getränke. Kaum war der letzte Lift geschlossen, verwandelte sich der Parkplatz in eine Party. Und weil man dort nach zwei Bieren mit allen befreundet war, bekamen wir immer und ohne Diskussion einen Platz im Auto zurück zum Farmhaus.
Gegen Ende der Saison hatten wir ab und zu Gelegenheit, um andere Skigebiete der Südinsel zu erkunden: Coronet Peak, Mount Hutt, Cardrona. Grössere Gebiete, andere Pisten – aber Roundhill blieb unser vorübergehendes Zuhause.
Drei Monate, ein Kombi, zwei Inseln
Als die Saison zu Ende ging, kauften mein Freund Beni und ich zusammen einen alten Holden Kombi aus den Sechzigern. Ein Auto mit Geschichte, Rost und einem Motorengeräusch, das man liebt oder fürchtet. Damit fuhren wir rund drei Monate kreuz und quer durch die Süd- und Nordinsel und besuchten unterwegs die Gäste, die wir während der Saison im Skigebiet kennengelernt hatten. Oft durften wir dort jeweils ein paar Nächte übernachten. Als Notlösung hatten wir im Hinterteil des Kombis eine Matratze mit zwei Schlafsäcken.
Das war vielleicht das Schönste an dieser Zeit: Aus Skischülern wurden Gastgeber, aus Kollegen Freunde – und aus einer Wintersaison in einem ungeheizten Farmhaus eine Geschichte, die ich über vierzig Jahre später noch immer gerne erzähle.

