Vom 30. April bis 5. Mai 2006 durften ich in einer kleinen Gruppe von Skitourengeher und unter fachkundiger Führung von Bergführer Louis Weber die eindrückliche Bergwelt rund um das Massiv der Barre des Ecrins (4102 m) erleben, besteigen und nicht zuletzt auch befahren.
Es mag für den kundigen Alpinisten keine Neuigkeit sein, geschrieben muss es trotzdem sein: Berge sind bei Sonnenschein um einiges eindrücklicher, schöner und vor allem angenehmer als bei «Hudelwetter». Wir hatten vom ersten bis zum letzten Tag so viel Wetterglück, dass es zuweilen schon fast postkartenkitschig wirkte. Was will man mehr?
Tag 1: Schweiz – La Grave – Refuge de La Selle (2682 m)
Um 04.00 Uhr früh treffen wir uns bei Louis und fahren in zwei Autos via Chiasso, Mailand und Turin Richtung französische Grenze. Unterwegs ein erster Espresso und ein Cornetto an einer Autobahnraststätte, im Hintergrund das Massiv des Monte Rosa. Weiter über Sestriere und den Col de Montgenèvre hinunter nach Briançon (1329 m), der höchstgelegenen Stadt Europas, dann über den Col du Lautaret nach La Grave. Nach rund sechs Stunden stehen wir am Fusse des Freeride-Mekkas.
Was dieser Begriff konkret heisst, erahnen wir während der Fahrt mit Gondelbahn und Skilift hoch zum Dôme de la Lauze (3450 m): Spuren, die irgendwo unter Felswänden beginnen und über Abgründen wieder aufhören. Wir fragen uns erstens, wie die dort hingekommen sind – und zweitens, ob der Verantwortliche wohl überlebt hat. Ein steiles, um diese Tageszeit bereits sulziges Couloir führt uns in einer halben Stunde hinunter zur Refuge de La Selle. Müde von der Anreise legen wir uns aufs Dach der Hütte und geniessen die Maisonne der französischen Alpen.
Tag 2: La Selle – Replat (3430 m) – Gîte du Châtelleret (2221 m)
Die Felle montiert, geht es zuerst gemächlich, später mit zahlreichen Spitzkehren steil zum Col du Replat hoch. Skidepot, Steigeisen, Aufstieg zum Südgipfel. Der Rundblick ist atemberaubend – und erst jetzt wird bewusst, wie wild, zerfurcht und steil dieses Gebiet ist. Die selbstkritische Frage kommt auf, ob wir uns mit dieser Woche nicht etwas zu viel zugemutet haben. Nordöstlich liegt das unwirtliche Massiv der Meije, südwestlich die Barre des Ecrins, unser Wochenziel.
Zurück zum Skidepot, Ski auf den Rucksack, kurzes Anseilen für den Einstieg in den Südosthang – und dann die sulzig schöne Abfahrt hinunter zur Gîte du Châtelleret. Die feine Omelette der charmanten Hüttenwartinnen ist nicht die erste und wird nicht die letzte dieser Woche sein.
Tag 3: Châtelleret – Brèche de la Grande Ruine (3484 m) – Gîte Adèle Planchard (3173 m)
Nach ein paar hundert Metern leicht talabwärts führt die Route südostwärts Richtung Grande Ruine. Die 1200 Höhenmeter vor uns steigen steil bis sehr steil zu einem kleinen Sattel zwischen zwei Gipfeln an. An zwei Stellen kommen wir nicht darum herum, die Ski auf- und die Steigeisen anzuschnallen; im Couloir kurz vor dem Pass braucht es zusätzlich den Pickel. Der Blick hinunter ins Tal und auf die Barre des Ecrins lässt die Mühen schnell vergessen.
Ein steiles, enges, aber kurzes Couloir – zwei, drei Schwünge und anschliessendes Abrutschen – bringt uns in den Südosthang. Über einen weiteren Sattel und nach einer Rast aus dem Rucksack folgt die kurze, wunderschöne Abfahrt zur Adèle-Planchard-Hütte. Mit zwei weiteren Gästen und der Hüttenwartin sind wir die Einzigen an diesem einmaligen Ort: grandioses Panorama, erholsame Ruhe und ein gemütlicher Jass.
Tag 4: Adèle Planchard – Roche Emile Pic (3586 m) – Gîte des Ecrins (3170 m)
Frühmorgens wartet ausnahmsweise kein Aufstieg, sondern eine Abfahrt von rund 900 Höhenmetern, die ersten Schwünge direkt von der Hütte weg. Unten wird es im gefrorenen Sulz des Vortages ruppig – wir bekommen eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich Arbeiten mit dem Presslufthammer anfühlt.
Danach stehen wir wieder im Tal und blicken 1300 Höhenmeter hoch zum Roche Emile Pic. Der Aufstieg ist so steil, dass er mit Fellen nicht zu bewältigen ist: Die ersten 800 Höhenmeter mit Ski am Rucksack und Steigeisen, die restlichen 400 – immer noch steil genug – mit Ski unter den Schuhen. Spätestens jetzt wissen wir, warum dieses Gebiet als eines der wildesten Skitourengebiete der Alpen gilt. Skidepot am Sattel, Aufstieg zum Gipfel, wolkenloser Himmel, atemberaubender Ausblick. Zurück zum Depot, kurzes Abseilen durchs Couloir in den Schneehang und Abfahrt zur Gîte des Ecrins.
Tag 5: Gîte des Ecrins – Dôme des Ecrins (4015 m) – Gîte du Glacier Blanc (2550 m)
Im Gegensatz zu den bisher spärlich belegten Hütten herrscht hier schon vor dem Morgengrauen emsiges Treiben. Louis lässt uns etwas länger schlafen; wir nehmen den Weg über den Gletscher als Letzte in Angriff. Nach kurzer Abfahrt führt der riesige Gletscher über einige Kilometer an den Fuss des Massivs. Nach so viel Steigeisentraining entscheiden wir uns für den Direktaufstieg mit Ski am Rucksack. Nach etwa einer Stunde sehr steilem Gelände wird es flacher, wir schnallen die Ski an.
Dass der Schreibende den Pickel in der Hütte vergessen hatte, wurde bereits mit spöttischem Gelächter quittiert – nun fehlt auch noch die Thermosflasche. Eine gute Stunde später stehen wir auf dem Dôme des Ecrins (4015 m), dem südlichsten Viertausender der Alpen, und versuchen die umliegenden Gipfel zu identifizieren.
Nach gemütlicher Rast unterhalb des Gipfels wartet eine eindrucksvolle, steile und für den einen oder anderen ins Schwindelerregende beschleunigende Abfahrt an den Fuss des Massivs. Anschliessend steigt der Schreibende zwecks Wiederbeschaffung von Pickel und Thermosflasche nochmals zur Hütte hoch, lässt die Bemerkung des Hüttenwarts – «ceux qui n'ont pas de tête ont des jambes» – über sich ergehen und fährt zurück zur Gruppe. Weiter über den leicht abfallenden Gletscher zur Gîte du Glacier Blanc. Ein letztes Mal ein sonniger Nachmittag bei kühlem Bier und Jass, über uns der Gletscher des Pelvoux (3946 m).
Tag 6: Glacier Blanc – Col du Monêtier (3345 m) – Le Monêtier-les-Bains
Der letzte Aufstieg beginnt ungewöhnlich gemütlich, wird dem Ruf des Ecrins-Gebirges später aber doch noch gerecht: Nach gut einer Stunde Ski auf den Rucksack, ein letztes Mal Steigeisen, die letzten 400 Höhenmeter in sehr steilem Gelände. Auf dem Col du Monêtier entfährt uns beim Anblick der bevorstehenden Abfahrt ein Jauchzer. Rund 1100 Höhenmeter bei wunderbaren Frühjahrsverhältnissen hinunter nach Le Monêtier-les-Bains – nur die letzten Kilometer ins Dorf gehen wir zu Fuss, die Ski geschultert. Hier ist Frühling, alles grün, Schnee nur noch oben. Raus aus den Schuhen, eine kühle Erfrischung, Heimweg. Eine wunderbare Woche geht zu Ende.
Voraussetzungen
Das Gebiet liegt in einer wunderbaren, äusserst wilden Bergwelt. Es geht fast ausnahmslos sehr steil hinauf und entsprechend steil wieder hinunter – gute Kondition, solide Skitechnik und der sichere Umgang mit Steigeisen und teilweise Pickel sind Voraussetzung. Der Rucksack für eine Woche zieht schwer, oft kommen die aufgeschnallten Ski dazu. Ein kompetenter Bergführer wie Louis Weber hilft gerade den weniger Erfahrenen, die eine oder andere Gefahr sicher zu bewältigen.
Unterkünfte und Verpflegung
Alle Hütten waren von guter Qualität und an sehr schöner Lage, das Essen stets vorzüglich und die Nebenkosten im Vergleich zur Schweiz günstig – ein Liter roter Hauswein kostete meist 6 bis 8 Euro, auf dieser Höhe ein fairer Preis. Die Hüttenwarte und -wartinnen waren allesamt sehr nett und hilfsbereit. Ein gewichtiger Negativpunkt bleiben die teils desolaten hygienischen Verhältnisse: Mit Ausnahme einer einzigen Hütte gab es nirgends fliessendes Wasser, und die Toiletten waren stellenweise so unangenehm, dass Details dem Leser nicht zuzumuten sind. Schade, wenn man bedenkt, dass die meisten dieser Hütten in einem Nationalpark liegen.
Anreise
Möglich über die Westschweiz und Grenoble oder über Italien. Aus der Innerschweiz ist die Variante durch den Gotthard via Mailand und Turin klar zu empfehlen.


