1987 war die Sowjetunion noch ein Land – riesig, verschlossen und für Reisende aus dem Westen nur mit Intourist-Programm, festgelegter Route und zugeteilten Hotels zugänglich. Glasnost und Perestroika waren gerade in aller Munde, Gorbatschows Porträt hing an den Fassaden, und trotzdem fühlte sich vieles an wie ein Blick in eine andere Zeit. Die Route führte von Kiew über die Krim in den Kaukasus, weiter auf die Seidenstrasse nach Samarkand und Taschkent, über Almaty nach Sibirien und schliesslich nach Moskau. Vier Jahre später gab es dieses Land nicht mehr. Umso wertvoller sind die Dias von damals. Ich durfte die in diesem Bericht zusammengefasste Reise als damaliger Reiseleiter bei der Firma Kuoni begleiten und kam mir dabei aufgrund der grossen Distanzen und vielen Zeitzonen ein wenig vor, wie Phileas Fogg aus "In 80 Tagen um die Welt". Die Bilder stammen von alten Dias und wirken entsprechend etwas patiniert.
Kiew und die Krim
Der Auftakt ist Kiew. Über dem Dnjepr leuchten die goldenen Kuppeln des Höhlenklosters, davor drängen sich Reisegruppen aus allen Winkeln des Riesenreichs. Ein Bild, das im Rückblick fast unwirklich wirkt – so friedlich, so selbstverständlich, so endgültig vergangen.
Auf der Krim empfängt einen der weisse Livadija-Palast bei Jalta, in dem 1945 Stalin, Roosevelt und Churchill die Nachkriegsordnung aushandelten. Dazu Palmen, Meerluft und Sanatorien – die Sommerfrische des ganzen Riesenreichs.
Kaukasus – Jerewan und Tiflis
Weiter nach Armenien und Georgien. Zwischen Jerewan und Tiflis stehen uralte Steinkirchen in kargen Hügeln – schmucklos, wuchtig, weit älter als alles, was man in Moskau sieht. Und man merkt schnell: Der Kaukasus ist eine eigene Welt, mit eigener Sprache, eigener Schrift und einer Gastfreundschaft, die keine Reisebürovorgabe kennt.
Seidenstrasse – Samarkand und Taschkent
Noch weiter nach Osten, in die Sowjetrepublik Usbekistan. Samarkand ist eine andere Welt: Lehmfarbene Mauern, blaue Kuppeln, Medresen und gewaltige Minarette. Auf den Basaren stapeln sich Orangen, Melonen und Kräuter, und die Verkäufer im Tubeteika-Käppchen handeln mit derselben Ruhe wie seit Jahrhunderten. Taschkent dagegen zeigt das andere Gesicht: nach dem Erdbeben von 1966 wieder aufgebaut, breite Achsen, sowjetische Moderne.
Almaty, Irkutsk und die Transsibirische Eisenbahn
Über Almaty am Fuss des Tienschan geht es nach Norden: Irkutsk, das «Paris Sibiriens», mit seinen verwitterten Holzhäusern und dem Baikalsee vor der Tür.
Von Irkutsk nach Nowosibirsk sind wir mit dem Transsibirien-Express gefahren – rund 1800 Kilometer, zwei Tage und zwei Nächte im Abteil. Draussen zieht endlose Taiga vorbei, dazwischen Holzdörfer, Flüsse und Bahnstationen, an denen Frauen Piroggen und heisses Wasser verkaufen. Der Samowar am Wagenende ist Treffpunkt, und die Zeit misst man nicht in Stunden, sondern in Landschaften.
Nowosibirsk empfängt einen dann als nüchterne Millionenstadt an der Transsib: breite Achsen, Plattenbauten, Wissenschaftsstadt Akademgorodok – die sowjetische Moderne in Reinform. Distanzen, die man auf der Karte kaum fassen kann, und die einem erst im Zug wirklich bewusst werden.
Moskau – Roter Platz und Kreml
Am Schluss Moskau. Der Rote Platz ist fast leer, das Kopfsteinpflaster glänzt, und die Basilius-Kathedrale wirkt mit ihren gedrehten Kuppeln noch farbiger, als man sie von Bildern kennt. Man geht ein paar Schritte, dreht sich um – und ist trotzdem jedes Mal wieder überrascht.
Hinter der Kremlmauer öffnet sich der Kathedralenplatz: Verkündigungs-, Erzengel- und Mariä-Entschlafens-Kathedrale, goldene Kuppeln über weissen Mauern. Der Kontrast zur nüchternen Sowjetarchitektur der Vorstädte könnte kaum grösser sein.
Zwischen Perestroika und Alltag
Gorbatschow war allgegenwärtig: als Porträt an Verwaltungsgebäuden, als Thema in jedem Gespräch, das man mit etwas Vertrauen führen konnte. Gleichzeitig lief der Alltag weiter wie eh und je – Schlangen vor den Läden, Busse voller Reisegruppen, und auf den Plätzen Hochzeitsgesellschaften, die sich vor den Wahrzeichen fotografieren liessen.
Es sind Bilder eines Landes im Übergang: noch sowjetisch, schon im Aufbruch – und wenige Jahre später Geschichte.

