Die Piste windet sich kurvenreich durch die Wüste. Das Licht des Tages verabschiedet sich mit einem dramatisch anmutenden Sonnenuntergang am fernen Horizont. Wie schwarze Riesen wirken die Berge im Nordwesten Omans in dieser abendlichen Stimmung. Nach einer mehrstündigen Fahrt von Muscat entlang der Küste über Sur haben wir unser heutiges Tagesziel, das Naturreservat von Ras Al-Jinz, erreicht.
Der Zeltplatz entpuppt sich als steinige Fläche. Wir tauschen Blicke aus und fragen uns, wo wir hier gelandet sind? Die Zelte für die Übernachtung befinden sich im Fonds des Land-Cruisers. Wir setzen uns zum Ziel, diese noch vor Einbruch der Dunkelheit zu errichten. Einfacher gedacht als getan! Die Heringe „beissen“ auf steinigen Boden und der stark auffrischende Wüstenwind ist auch keine grosse Hilfe. Nach getaner Arbeit sitzen wir mit einem Drink vor unserem „Zuhause“ für die Nacht. Unser Fahrer hat uns zwischenzeitlich mit bescheidenen Hilfsmitteln ein schmackhaftes Menü aus Huhn, Reis und Gemüse zubereitet. Die Stimmung hier draussen, weit ab der Zivilisation ist einmalig und die Spannung steigt.
Gegen Mitternacht marschieren wir hinter dem Park-Ranger, dem Lichtkegel seiner Lampe folgend, dem Strand entgegen. Schon nach kurzer Suche stossen wir auf die erste Wasserschildkröten, welche nach einer Seereise über Tausende von Kilometern durch den Indischen Ozean an die Küste Omans zurückgekehrt sind, um hier ihre Eier zu legen. Ein schier hoffnungsloser Versuch ihre eigene Art vor dem Aussterben zu retten.
In kaum einem Land der Erde nisten so viele Meeresschildkröten wie in Oman. Hier liegt der einzige Strand weltweit, an dem Meeresschildkröten ganzjährig zur Eiablage an Land kommen. Gleich fünf der weltweit sieben Arten an Meeresschildkröten tummeln sich hier.
Die Chancen der kleinen Wasserschildkröten, ohne die schützende Hand der Parkangestellten nach dem Schlüpfen zu überleben, sind leider sehr gering. Vom Schlupfplatz zum Wasser allein werden rund 90% von ihren natürlichen Feinden abgefangen. Die Schildkröten verlassen das Land als Babys zum ersten Mal, wenn sie aus dem Nest geschlüpft sind und in Richtung Wasser um ihr Leben rennen, damit sie nicht von Krabben, Möwen oder Füchsen gefressen werden. Die männlichen Schildkröten verlassen das Wasser dann nie wieder. Die Weibchen kommen lediglich zum Nestbau und zur Eiablage an den Strand, und das auch erst ab einem Alter von etwa 40 Jahren und nur wenige Male in der Zeitspanne weniger Tage. Über 100 Eier legt eine Schildkröte im Durchschnitt. Für die Überlebenden fängt der Kampf im weiten offenen Meer gegen die natürlichen Feinde erst richtig an. Nur wenige werden es dereinst wieder zurück an ihre Geburtsstätte hier an der omanischen Küste schaffen und den natürlichen Kreislauf der Natur in Gang halten. Was wir hier zu sehen bekommen, ist einmalig und relativiert die eigene (Un-)wichtigkeit.
Zufrieden schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke. Nur ein paar Kamele stören unsere Nachtruhe. Wenn's nichts Schlimmeres ist...

