China - Zwei Flüge für einen Lunch
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China - Zwei Flüge für einen Lunch

Unterwegs3 Min. Lesezeit

Im China der 1980er-Jahre war das Fliegen einer wohlhabenden Oberschicht, wenigen Geschäftsleuten und natürlich den neu ins Land strömenden Touristen vorbehalten. Entsprechend galt es als eher exklusives Fortbewegungsmittel. Umso bemerkenswerter waren die Vorkommnisse auf einer Reise ins Land der Mitte um 1986.

Ein früher Start

Der Wecker hatte uns um fünf Uhr früh aus dem Schlaf gerissen. Nichts Ungewöhnliches für damalige Reisen durch China. Das Land ist gross, es gab viel zu sehen, und die Zeit war knapp. Also galt es, so viel wie möglich in den Tag zu packen. Der Transfer zum Flughafen dauerte weit über eine Stunde. Nicht etwa wegen endloser Verkehrsstaus – die überwiegende Mehrheit der Chinesen war noch mit Fahrrädern der Marke «Fliegende Fahne» unterwegs –, sondern weil der Flughafen weit ausserhalb des Zentrums lag und es erst wenige Autobahnen gab.

Mann transportiert Pflanzen auf einem dreirädrigen Fahrrad in China
Mit dem Fahrrad unterwegs im China der 1980er-Jahre

Am Flughafen angekommen, hiess es für mich, den Check-in für meine Gruppe zu organisieren: Pässe einsammeln, gemeinsam mit dem Vertreter des staatlichen Reisebüros Lüxingsche am Schalter der Fluggesellschaft gute Sitzplätze aushandeln und dafür sorgen, dass das Gepäck richtig aufgegeben wurde. Das tägliche Brot eines Reiseleiters. Alles klappte wie am Schnürchen, und wir waren bereits rund zwei Stunden vor dem geplanten Abflug in der Wartehalle. Wir hätten also gut noch eine Stunde länger schlafen können. Doch zu früh am Flughafen zu sein und dort lange herumzusitzen, war damals wie heute nicht unüblich. So weit, so normal, dachte ich mir.

Ein unerwarteter Umweg

Nach einer guten Stunde erschien ein Vertreter der Fluggesellschaft und erklärte, in unserer Zieldestination Xi'an habe es einen starken Sturm gegeben; eine Landung sei dort in den nächsten Stunden nicht möglich. Deshalb habe man uns in Absprache mit Lüxingsche auf einen Flug nach Chongqing umgebucht. Dort seien bereits eine Stadtrundfahrt und ein Mittagessen geplant. Gegen Abend werde der Weiterflug nach Xi'an voraussichtlich wieder möglich sein. Ich konnte meine Gruppe davon überzeugen, dass es keine Alternative gab, und so flogen wir kurz darauf in eine Millionenstadt in Sichuan - heute ist Chongqing eine eigene Verwaltungszone und gehört offiziell nicht mehr zu Sichuan -, die nie auf dem Programm gestanden hatte. Die Stadtrundfahrt war lehrreich und das Mittagessen köstlich – die Küche Sichuans gilt gemeinhin als eine der besten Chinas.

Die beleuchtete Altstadtanlage Hongyadong in Chongqing bei Nacht
Hongyadong in Chongqing – der ungeplante Zwischenstopp (Foto: lizenzfrei)

Ankunft ohne Sturm

Nach dem Mittagessen wurden wir wieder zum Flughafen gebracht und, wie angekündigt, mit dem nächsten verfügbaren Flug nach Xi'an befördert. Gegen 17.00 Uhr waren wir endlich dort, wo wir schon am frühen Morgen hatten sein wollen, um die berühmte Terrakotta-Armee des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huang zu besichtigen. Nach der Landung fiel mir die trockene Landschaft auf, und ich fragte den örtlichen Reiseleiter nach dem angeblichen Sturm und den möglichen Schäden. Er meinte, sie hätten hier schon seit Monaten keinen Sturm mehr gehabt und wären froh über etwas Regen ...

Der historische Glockenturm im Zentrum von Xi'an bei Nacht
Der Glockenturm von Xi'an – das eigentliche Reiseziel (Foto: lizenzfrei)
Terrakotta-Krieger und Pferde in der Ausgrabungsstätte bei Xi'an
Die Terrakotta-Armee bei Xi'an (Foto: lizenzfrei)

Zwischen Wahrheit und Gesichtsverlust

Mein Verdacht liess sich zwar durch Fakten erhärten, doch ein Geständnis, dass wir einzig wegen mangelnder Flugverfügbarkeit kreuz und quer durch China geflogen worden waren, erhielt ich nie. Die Chinesen verlieren nicht gern das Gesicht, und auf weiteren Reisen ins Land der Mitte lernte ich mit der Zeit, Aussagen und Ankündigungen richtig zu deuten. Auch später kam es gelegentlich vor, dass man mir etwas vorgaukelte, weil man schlicht nicht bereit oder in der Lage war, eine mangelhafte Organisation oder die Überbuchung eines Hotels, Fluges oder Restaurants einzugestehen.

Fahrradrikscha mit Fahrgast auf einer Strasse in China
Mit der Fahrradrikscha unterwegs

Meine Kunden erfuhren den wahren Grund für unseren Abstecher nach Chongqing nie – vielleicht ahnten sie ihn – und empfanden die unvorhergesehenen Reiseerlebnisse als Bereicherung. Die Wahrheit ist meistens, aber offensichtlich nicht immer, die beste Lösung ...

Der ungeplante Umweg nach Chongqing

4 Stationen – von Beijing bis Terrakotta-Armee

  1. 1Beijing — Ausgangspunkt des Fluges
  2. 2Chongqing — Ungeplanter Zwischenstopp mit Stadtrundfahrt und Mittagessen
  3. 3Xi'an — Ursprüngliches Reiseziel; Ankunft am Abend
  4. 4Terrakotta-Armee — Geplantes Besichtigungsziel bei Xi'an

Kartendaten: OpenStreetMap-Mitwirkende

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